Donnerstag, 12. Dezember 2013

Bitte sterben Sie woanders!

Dank der Verlinkung von einer Freundin bin ich auf diesen Artikel in der TAZ gestoßen:
 "Bitte sterben Sie woanders" - Hospiz unerwünscht. 
Da wird davon berichtet, wie Anwohner gegen ein Hospiz des DRK vorgehen. Es wird auch von anderen Einrichtungen berichtet und was eben so die Argumente "Gegen" das Hosipiz in der Vorstadt sind. Unter anderem, dass da ja dann täglich Leichenwagen vorbei fahren würden. Und weil die Kinder Schaden nehmen könnten, wenn sie mit dem Tod konfrontiert sind.


Ich finde das gruselig...
Über genau solche Dinge habe ich letztes Jahr mit dem Bestatter meines Vaters gesprochen. Ein sehr angenehmer Zeitgenosse, hat das Geschäft von seinem Vater übernommen. Der Vater: für mich der absolute Inbegriff eines Bestatters - Hager, alt, schwarz gekleidet in dunklem Büro, sehr sehr christlich, grantig. Mir fielen beim ersten Zusammentreffen mit diesem alten Mann im Laden nur die Geier aus den Disney-Filmen ein.

Beim nächsten Termin dann war der Sohn dabei und da trat jemand auf mich zu, der offen war, mit einem Lachen in den Augen und "lebendig". Wir führten dann bei der Abschiednahme von meinem Vater ein sehr interessantes Gespräch. Er meinte, dass er einfach der Meinung ist, dass sein Beruf mehr in die Öffentlichkeit muss, dass die Leute wissen müssen, was sie da tun. Er hat eine Ausstellung gemacht in einem Gemeindezentrum, da haben seine ganzen Kollegen gemeint "Bist du wahnsinnig?" Er lädt jeden ein, sich seine Arbeitsräume anzuschauen und wenn die Angehörigen wollen, können sie ihm beim Zurechtmachen ihres Verstorbenen helfen. Denn die Leute wissen heute gar nicht mehr, wie es früher war, wo der Opa oder die Oma in ihrem Bett aufgebahrt waren und die Angehörigen/Freunde kamen, um sich zu verabschieden. Heute ist der Tod etwas total (un)heimliches geworden.

Wir wohnen seit 1 1/2 Jahren über dem Geschäft und den Andachts-, Fest- und Arbeitsräumen eines Bestatters, bei uns fahren jeden Tag und jede Nacht die "Leichenwagen" (oder der VW-Bus bzw. Vito) ein und aus. Das Schaufenster ist offen und freundlich, man hat einen direkten Blick ins Büro und am Tag der offenen Tür, kann man sich die Räumlichkeiten anschauen und wenn man mag auch im Sarg Probe liegen. Das mag makaber klingen, aber ganz ehrlich: wäre es nicht schön zu wissen, dass man irgendwann einmal bequem gebetet ist? Ich erlebe ständig Trauerfeiern und einmal über den Hof liegen die Toten. 
Wir haben insgesamt im Haus 8 Kinder, u.a. die 3 vom Bestatter selbst. Keines dieser Kinder hat irgendeinen Schaden, ich glaube eher, dass die viel mehr einen Zugang zu dem Thema haben, als andere. Der Bestatter lebt über der Festhalle, in der die Trauerfeiern stattfinden. Wenn eine Feier ist, müssen die Kinder in ihrem Spielzimmer leise sein. Bei denen heißt das "Trauerfeieralarm". 


Der Trend geht dazu, im Vorfeld schon seine eigene Beerdigung zu planen und alles zu regeln. Weil man schon alles bezahlt haben will, wenn man noch Geld hat - wer weiß denn schon, ob man nicht arm wie eine Kirchenmaus stirbt, weil die Pflege in den letzten Monaten oder Jahren alles Geld aufgefressen hat. Weil man möchte, dass sich die eigenen Angehörigen nicht den Kopf zermartern müssen: wie hätte er/sie es denn gerne gehabt?

Als junger Mensch beschäftigt man sich normal nicht mit so etwas. Das ist so weit weg. Aber dann passiert es, dass ein naher Angehöriger stirbt und man vor so vielen Fragen steht. Wir haben letztes Jahr entschieden: die Beerdigung meines Vaters muss zu ihm und zu uns passen, die Trauerfeier muss für uns stimmig sein! Egal, was "üblich" ist, egal was andere sagen, egal wie die das machen würden. Ich bin sehr sehr froh, dass es scheinbar immer mehr Bestatter gibt, die einem diese Individualität zugestehen.
Die Hospize sind ein weiterer Schritt dazu, dem Tod wieder Raum in unserer Gesellschaft zu geben und den Menschen ein würdiges Sterben mit der Möglichkeit auf die eigene Individualität zuzugestehen. Es ist sehr schade, dass das scheinbar nicht wenigen Menschen der Weitblick hierfür und für die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit fehlt.


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