Donnerstag, 17. März 2011

Bin ich einer Gehirnwäsche unterzogen worden?

Ich hab ziemlich lang überlegt, ob ich überhaupt was ausführlich zum Thema posten soll, aber da es mir keine Ruhe lässt...
Seit Tagen überlege ich, da ich mal wieder mit meiner Meinung ziemlich allein auf weiter Flur stehe, ob irgendwas bei mir vielleicht doch schief gelaufen ist.
Ich gebe zu: einen guten Teil meiner Ausbildung, insbesondere in Bezug auf Kerntechnik, ist von der Atomlobby gezahlt. Indirekt, weil sie Übernachtungskosten, Essen und Getränke gezahlt haben, weil sie mir ermöglicht haben, dass ich die Kraftwerksschule in Essen besuchen und sogar an zwei Simulatoren für Kernkraftwerke rumspielen durfte. Weil sie mir zig Vorträge zu Gute kommen ließen, die mich technisch weiterbildeten und in denen ich ohne Probleme auch kritische Fragen an Experten stellen durfte.
Als ich damals in die Kernkraftwerkstechnik-Vorlesung gegangen bin, war das mit folgendem Hintergrund: ich hatte eine diffuse Angst. Ich wusste nichts über Kerntechnik. Sonstige Kraftwerkstechnik war mir vertraut, aber um die Kerntechnik machten die anderen Profs irgendwie einen recht großen Bogen bzw. erklärten es in einem Block mal eben schnell. Nicht sonderlich förderlich. Mein ganzes Leben hatte ich immer wieder von Biblis gehört (ich komme aus Hessen, da war das großes Thema), immer wieder von Störfällen. Ich hatte die Erzählungen von Tschernobyl gehört und Gudrun Pausewangs "Die Wolke" gelesen. Sprich: ich hatte eine Vorstellung von dem Ganzen ohne genau zu wissen, wie es funktioniert. Und ich war skeptisch. Also hab ich mir gesagt: "Hey, du weißt nichts darüber, also gehst du mal in die Vorlesung, damit du schlauer wirst und um ggf. deine Zweifel zu bestätigen."
War dieser Schritt der Schritt in Richtung Gehirnwäsche. Der Professor, der da vorn über Kerntechnik referierte, war der nicht auch Teil der Atomlobby (er war zumindest vor seiner Professur in der Gasturbinenentwicklung...). Erzählte der mir nicht auch nur das, was zu meiner Beruhigung dienen sollte und nicht die Wahrheit?
Je länger ich mich mit der Thematik beschäftigt habe, desto weiter bin ich in den Sumpf rein gerutscht. Hab mir leckere und teure Essen und die Übernachtungen in tollen Hotels bezahlen lassen. War das alles Teil des Plans? Wurde ich damit zum folgsamen Schäfchen, dass einfach nur noch die Meinung nachplappert, die es von höheren Ebenen vorgegeben bekommt.
Eigentlich glaube ich das nicht.
Ich wäre doch echt bescheuert, wenn ich nur für diese Sache immer wieder riskiere, dass ich mit Freunden und Bekannten in Diskussionen gerate, wo ich am Ende als Buhmann dastehe, weil versuche auf die Ängste mit sachlichen Informationen und Aufklärung einzugehen. Ich stehe immer noch da und versuche die Leute zu informieren, sie dazu zu bekommen, sich zumindest mal ein wenig mit dem Thema zu beschäftigen und dadurch ihre Ängste abzubauen. Aber gegen manche Argumente komme ich nicht an und komme auch mit Fakten und Tatsachen einfach nicht weiter. Natürlich kann ich auch keine 100 %ige Sicherheit garantieren, aber bitte, was ist denn 100 %ig sicher? Und ab welcher Wahrscheinlichkeit ist ein Risiko akzeptabel? Kann man das wirklich bewerten ohne die Hintergründe zu kennen?
Ich bin überzeugt von der Sache, nicht weil man mich dazu gebracht hat, dass ich alles oder zumindest vieles einfach glaube, sondern weil ich mich über Jahre eingehend mit Energietechnik und eben auch Kerntechnik beschäftigt habe und am Ende dafür einen Abschluss in Maschinenbau bekommen habe, jetzt seit fast 3 Jahren in dem Bereich promoviere und immer und immer wieder Diskussionen darüber geführt habe, die mich bisher nicht davon überzeugt haben, dass ich auf dem Holzweg bin.
Das was jetzt in Japan passiert, ist alles andere als gut, aber die Panikmache, die hier in Deutschland betrieben und der Aktionismus, der jetzt an den Tag gelegt wird, sind meiner Meinung nach einfach übertrieben. Mein Eindruck ist mal wieder: Wir Deutschen wissen es einfach besser als der Rest der Welt und leider stehen viele (insbesondere in den Medien) auf dem Standpunkt "Ich habe meine Meinung, verwirr mich nicht mit Fakten".
Leider ist es halt einfach so, dass jede Technik ihre Vor- und Nachteile hat. Die eine mehr, die andere weniger. Wer Strom haben möchte, um z.b. einen Facebook- oder Foren-Eintrag zu schreiben, der sollte sich auch im Klaren sein, dass er mit diesem Strom die Natur schädigt, egal ob der Strom aus Wasserkraft, Kohlekraft, Windkraft oder eben Kernkraft kommt. Wenn man nicht bereit ist, damit zu leben, dann sollte man anfangen den eigenen Stromverbrauch zu minimieren oder gar ganz auf Strom zu verzichten...

Noch kurz zur Information: ich lese nahezu keine Presse, schaue nahezu kein Fernsehen im Moment, meine Informationsquellen derzeit sind:
Die Website der Gesellschaft für REaktorsicherheit (GRS)
Die Website der International Atomic Energy Agency (IAEA)

So und nun dürft ihr mich gern in der Luft zerreißen, aus eurer Freundesliste streichen oder was auch immer. Ich zitiere hier mal einen Teil eines Songs:

Anders Sein kann auch bedeuten,
Sich nicht jedes Mal zu häuten,
Wenn der Wind sich einmal dreht,
Schmerzhaft ins Gesicht Dir weht!
Nach dem eig'nen Weg zu suchen,
Auch einmal für and're bluten!
Nicht die Augen zu verschließen,
Und den Gegenwind genießen!
(Anders Sein, Eric Fish)

Kommentare:

Gloria hat gesagt…

Aufgrund meiner Abneigung gegen den Uranabbau bin ich folglich auch gegen die Atomkraft *g* Nicht aus Angst, dass mir ein AKW um die Ohren fliegen kann. In diesem Punkt halte ich AKWs für recht sicher. Aber joar, Uranabbau und ungeklärte Endlagerung lassen mich gegen Stromerzeugung aus Atomkraft plädieren. Wir sollten sie so lange nutzen wie nötig aber so kurz wie möglich. :)

PS: Der Song ist klasse, einer meiner Faves von Fish :)

Silent Dreamer hat gesagt…

Ich bin nicht gegen Kernkraft weil ich sie für unsicher halte (gibt jedes Jahr Chemieunfälle mit ähnlichen Ausmaßen, ohne dass es jemanden aufregt), sondern weil ich sie für teuer, aufwändig und wenig zukunftsträchtig halte.

Und was ganz allgemein deine Ansichten angeht:
Ist bin eigentlich nie deiner Meinung, und so manche Aussage hat mich schon damals zur Weißglut gebracht. Aber wenigstens HAST du eine Meinung, und stehst zu ihr. Das respektiere ich.

Im übrigen: mir geht die Panikmache und der Aktionismus gerade auch auf den Keks.

eva-sama hat gesagt…

Ich muss dir wohl nicht sagen, dass ich noch immer deine Meinung teile. Grade die Ereignisse der letzten Tage haben mir nochmal vor Augen geführt, wie erschreckend verblendet der Pöbel doch ist. Da wird Anti-Atom gekrischen, ohne sich mal zu fragen, woher der Großteil des eigenen Stroms denn kommt. Da können "rennomierte" Tages- und Wochenzeitungen inhaltlich falsche Artikel veröffentlichen und es stört niemanden. Und das schlimmste von allen: die ganze Anti-Atom-Propaganda wird auf dem Rücken der Opfer ausgetragen, denen jetzt bestimmt lieber wäre, sie hätten ihren Atom-Strom noch, statt zu frieren und zu hungern.

Die kategorische Ablehnung und der Unwille, auf jegliche sachliche Diskussion einzugehen, bekräftigen nur meinen Eindruck einer nahezu religiösen Vernarrtheit, anstatt einer tatsächlichen Umweltliebe. Gelernt habe ich, dass man mit Politikern, Philosophen und Umweltaktivisten, auch in Teilzeit, nicht verhandeln sollte. Schade. Gemeinsam liesse sich vielleicht eine brauchbare Lösung finden.